Rollenspiele und Verwandtes - Von Büchern, Spielrunden & Theorie

Dienstag, 6. Mai 2008

Lonesome Luthgar

Die Hintergrundgeschichte meines neuen 'Arcane Codex' - Paladins; keine Theorie und wenig Neues - vielleicht aber zumindest etwas Unterhaltung.

Ich habe zur Zeit das ausgesprochene Vergnügen, endlich mal wieder eine Fantasy-Kampagne auf der anderen Seite des Spielleiterschirms zu erleben. Ansonsten habe ich entweder selbst geleitet, oder kurze Oneshots gespielt, die zwar abdrehte Settings, aber wenig Raum für längere Charakterentwicklung geboten haben. Dazu kommt, dass ich hiermit zum ersten mal einen waschechten Paladin spiele; eine Figur, die nur wenig Freunde in meiner Charaktermappe finden wird. Entgegen besseren Wissens habe ich auch mal wieder eine etwas längere Hintergrundgeschichte geschrieben - mit (hoffentlich) nicht zu aufdringlichen Plothooks und einem Konzept, dass den Charakter auch jenseits von "SMITE EVIL - CHAAAAAARGE!" interessant macht. Gespielt wird übrigens 'Arcane Codex', wobei ich immer noch nicht sagen kann, ob es sein Heartbreaker-Etikett zu Recht trägt. Spaß macht es jedenfalls und darum geht es ja schließlich.

Hier nun das - ansonsten unkommentierte - Charakterkonzept. Mit der Autonomie der Luthgar-Figur bin ich zufrieden, über die Frage, ob solche Konzepte dem Spiel grundsätzlich nutzen oder schaden, könnte man streiten. Trotzdem soll dieser Text in erster Linie der Unterhaltung dienen:

Auf einen Blick: Luthgar von Riebeckk ist ein Paladin, ein einsamer Streiter für das Gute: Selbstlos, tapfer und gerecht. Er reist umher, um den Bedürftigen zu helfen und fürchtet auf diesen Wegen keine Entbehrung oder Gefahren; selbst der Tod für die gute Sache hat keinen Schrecken für ihn.

Luthgars Geschichte

Eine Art Vater: Die frühen Jahre seiner Kindheit hat der Junge Thelo als Sohn niederer Bediensteter auf einem Gehöft verbracht. Als er ins Lehrlingsalter kam, verkaufte ihn der Gutsbesitzer an einen reisenden Ritter, der ihn seinerseits als Knecht an nahm. Als dessen Knappe Rigor zum Ende der Ausbildung in die Hauptstadt floh, wo er sich als professioneller Würfelspieler verdingte, begann der Ritter, ernsthaft an der Qualität seiner Lehrmethoden und seinem Vorbildcharakter zu zweifeln. Nach zwei Monaten voller Suff und Verzweiflung beschloss er, seinen Fehler aus der Welt zu schaffen: Er verkaufte Thelos Pferd, gab den dreizehnjährigen Knaben an seinen Orden und ritt in Windeseile gen Hauptstadt, um den missratenen Rigor noch am Spieltisch zu erschlagen. Thelo hat nie wieder von ihm gehört.

Lehrjahre: Die Ordensritter waren zunächst wenig begeistert, einen weiteren Esser in ihrer kärglichen Festung zu beherbergen. Das änderte sich allerdings, als sie seine körperlichen Talente entdeckten. Nach langer Beratung entscheiden sie, ihn trotz seines niederen Standes zum Kämpfer auszubilden. Nicht zum Ritter, versteht sich; aber zum Mauerwächter der Ordensfestung, was eine ausgesprochene Ehre für einen Leibeigenen darstellt. Vielleicht wollten sie ihn auch für seine beiden Jahre bei seinem letzten Herren - Ritter Luthgar von Riebeckk - entschädigen, der wegen gewisser Ansichten in fragwürdigem Ruf stand. Wie dem auch sei, Thelo stellte sich gut an, gab keine Widerworte und zahlreiche Bewohner der Festung zählten ihn bald zu ihren Freunden. Zum Abschluss der Ausbildung bekam er neben einem eigenen Schwert auch seine Freiheit geschenkt. Tatsächlich war es eher das Schwert, das ihn zu Freudentränen rührte.

Die Katastrophe: Im Großen und Ganzen führten man im Orden ein gemütliches Leben. Seit gut vierzig Jahren hatte kein Feind es gewagt, sich der Grenze bis auf eine Tagesreise zu nähern und die stets anstandslos gezählten Zölle der Händler erlaubten den Rittern und ihren Bediensteten ein gutes Leben. Im vorletzten Winter wurden die bequemen Krieger mit Gewalt daran erinnert, warum ihr Orden dereinst gestiftet worden war:
Vor dreihundert Jahren hatten die Weisen einen Dämonen bezwungen und ihn in ein Gefängnis tief unter der Erde gebannt. Neben allerlei Bannflüchen und heiligen Werkzeugen sollten vierzig vorzügliche Kämpfer und deren Nachfahren das Gefängnis auf immer bewachen. Neben Adelstiteln, der Befreiung vom Kriegsdienst und - nicht zuletzt - einer fürstlichen Leibrente, erhielten diese Männer das Recht, Zölle zu erheben und sich ganz allgemein aus den schlimmsten Unannehmlichkeiten der Politik heraus zu halten. Dass sie ihre ursprüngliche Pflicht darüber mit der Zeit vergaßen, verwundert vermutlich niemanden; dass es dem gefangenen Dämonen anders erging, wohl ebenfalls nicht.
Eines Abends, Thelo und war mit zwei Knechten auf dem Weg in die benachbarte Stadt, um einen Ochsen für ein nicht ausdrücklich begründetes Fest zu kaufen, befreite sich das uralte Böse aus seinem Verlies.
Bis die Feiernden endlich begriffen, was um sie herum geschah, war ihre Zahl bereits auf die Hälfte dezimiert. Nicht wenige der Ritter kämpften in dieser Nacht zum ersten und letzten mal um Leben und Tod. Zu guter Letzt gelang es dem Ordenshauptmann, den Dämonen endgültig zu vernichten, indem er die tragenden Wände des Bergfrieds höchst selbst mit Bedoferks Hammer – der höchstens Reliquie des Ordens – zertrümmerte und die gesamte Festung über dem Dämonen einstürzen ließ. Über dem Dämonen, den letzten überlebenden Rittern und sich selbst.
Nach ihrer Rückkehr aus der Stadt fanden Thelo, die Knechte und der Ochse nur noch einen rauchenden Trümmerhaufen vor, wo sie ihre Burg und erwarteten. Während die beiden Knechte zusammen mit dem kostspieligen Abendmahl das Weite suchten, versuchte Thelo herauszufinden, was hier geschehen war.

Vor den Trümmern: Nach wenigen Tagen erhielt der ratlose Junge Besuch von einem weisen Mann aus der Hauptstadt. Dieser berichtete dem verzweifelten Jungen von dem Gefängnis und dem vermutlichen Heldentod seiner Ordensbrüder, bevor er ihn mit einem aufmunternden Schulterklopfen allein ließ. Obwohl Thelo nun ungebunden war, über eine gute Ausbildung und einige Wertsachen verfügte, die er aus der Ruine bergen konnte, war er weit davon entfernt, seine Arbeit niederzulegen. Obzwar nur ein Mauerwächter, hatte er sich als Teil einer heiligen Gemeinschaft gefühlt, als Wächter des Reiches und als Verteidiger der Hilflosen. Dass er unwissentlich dabei geholfen haben sollte, ein diabolisches Übel einzukerkern, versetzte ihn geradezu in Euphorie. Er sah sich als den Letzten seines edlen Ordens, den einzig verbliebenen Streiter für die gute Sache – den einzigen Überlebenden. Er beschloss, die zusammenphantasierte Mission des Ordens fortzuführen und auszuziehen, die Schwachen zu beschützten.
Zu seinem Unglück musste er bald feststellen, dass niemand seine Hilfe wollte. In den umliegenden Gemeinden beschloss man, die Wartezeit bis zur Ankunft neuer Zolleintreiber damit zu verbringen, so viel Gold wie möglich beiseite zu schaffen und das letzte was man dabei wollte, war ein „Ordensmann“ in Sichtweite. In der ersten Woche seines Heldenlebens wurde er gleich vier mal mit Schimpf und Schande aus den Orten getrieben, die zu beschützen er angetreten war. Da er ohne Rückhalt in der Bevölkerung oder Autorität nicht in der Lage war, das Richtige zu tun, entschloss er sich schließlich - schweren Herzens - zur ersten und einzigen Lüge seines Lebens.

Ein neuer Mann: Nach einigen Tagen hatte man alle Toten aus der Festung geborgen, sie mit Thelos Hilfe identifiziert und höchst offiziell zu Helden ernannt. Es schien, als wäre der gesamte Orden gemeinsam mit seinem Zweck ausgelöscht worden. Alle, bis auf einen Mann. In einer bedeutungsschwangeren Nacht legte Thelo sein bisheriges Ich ab, suchte sich eine intakte Ordensrüstung aus den Trümmern und schlug sich selbst zum Ritter. Er wurde zu Luthgar von Riebeckk, dem letzten überlebenden Ritter des Wächterordens, der nun durch die Grenzlande zog, um sein gutes Werk fortzusetzen.
Mit der Zeit begann er, selbst an seine Lüge zu glauben. Thelos Selbstauslöschung wurde ihm zum Mahnmal der Wahrheit, zum höchsten Gebot und so wurde er schließlich tatsächlich zu dem, wozu er sich gemacht hatte.

Nachtrag

Luthgar hat den Nachteil 'Dunkles Geheimnis', eine 'Macke' (zwanghafte Antwort auf »Seid ihr Luthgar von Riebeckk?« - »Ja, der bin ich - der und kein anderer!« und ein Pferd namens Thelo.